Val Saint-Lambert, bei Pierre Pauquay

Das Val Saint-Lambert, Kristall glänzt für die Ewigkeit

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Pierre Pauquay

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Die Ardennen über Täler und Hügel

Kultur und Wanderungen

Ich nahm an einem wundervollen Ereignis teil!

Das Val Saint-Lambert, Kristall glänzt für die Ewigkeit

Begegnung mit dem Kristallmann

5 min. Handwerkskunst

Val Saint-Lambert, ein Name, der wie die Reinheit des Kristalls nachhallt! In das Val eintreten, bedeutet, Räume betreten, die von einer bewegenden Geschichte erfüllt sind: hier lebt das große Epos der Glasindustrie.

Ich nähere mich der Stätte und trete in einer anderen Welt ein. Die Tore zu einem längst vergangenen Universum öffnen sich, Tore einer anderen Epoche, in der man in Dantes Höllenfeuer Kunstwerke aus Glas und Kristall anfertigte. 2018 herrscht im Val Saint-Lambert Pracht und Ruhe. In den großen mittlerweile verfallenen Werkstätten werden keine Glasöfen mehr befeuert, die das Material schmelzen, keine Menschen hantieren mehr mit dem Feuer. Im Verlauf meiner Schritte erinnere ich mich wieder an die Gemälde von Constantin Meunier, der hervorragend die Arbeiterbedingungen im 18. Jh. dargestellt hat. Vor 140 Jahren findet der Künstler im Val Inspiration und malt die Industrielle Revolution, die in vollem Gange ist.

Früher war das Val Saint-Lambert ein kleines Reich für sich, vom Rest der Welt abgeschottet. Ganze Arbeitergenerationen lebten hier in kompletter Autonomie: man wurde im Val geboren und starb im Val. Es drehte sich alles um die Produktivität. Als ich das Arbeiterviertel betrete, das neben den großen Hallen liegt, kann ich das Ausmaß der Geschichte dieses Ortes fühlen. Ich stelle fest, dass die Architektur der Gebäude sich nach sozialen Klassen richtet. Das Schloss des Direktors liegt weiter oben, um sein Prestige zu festigen und die Arbeiterstadt zu kontrollieren: es drückt eine übersteigerte Hierarchie aus.

 

Die Geschichte der Industrie im Tal beginnt 1825. Zwei französische Ingenieure der Glasindustrie aus Vonèche erwerben die Ruinen der Zisterzienserabtei im Val Saint-Lambert. Die Stätte ist ideal. Die Abtei liegt inmitten eines Tals, in dem die Industrielle Revolution in vollem Gange ist. Hier sprießen entlang der Maas Kohlebergwerke und Hochöfen der Metallindustrie aus dem Boden. Im Kapitel wird die erste Werkstatt gebaut. Innen verschlingen die Öfen Kohle und erreichen eine Temperatur von mehr als 1.000°C. Die Entwicklung der Kristallfabrik geht schnell voran. Zu den Hochzeiten arbeiten 4.500 Arbeiter im Val: ihr Talent neben den größten Glasmeistern. Es werden bis zu 100.000 Stücke am Tag produziert. Dann bricht langsam die Stagnation im Höllenfeuer des Val an wie bei der kompletten Schwerindustrie des Maastals. Zufällig konnte ein Teil der Produktion gesichert werden, die das lebendige Kulturerbe der Glasmeistertätigkeit aufrechterhält.

Ins Val zu kommen ist eine erstaunlich moderne Tat

Im Flügel des alten Abtspalastes aus dem 18. Jh. macht Cristal Discovery auf die Geschichte der Nutzung von Glas und Kristall mit einem Lernparcours aufmerksam. im Souvenirshop, der die heutigen in dem einzigen noch betriebsfähigen Firmenteil hergestellte Kunstwerke anbietet, setze ich meine Besichtigung fort. Dieser ruhmreiche Ort vereint den Luxus des Kristalls und das Knowhow der Glasmeister, die immer noch Glasblasen und das Material dann von Hand formen. Mit diesen zeitgenössischen Kreationen ehren und führen sie das Wissen ihrer Ahnen fort: ins Val zu kommen ist eine erstaunlich moderne Tat, man wird nicht von Nostalgie erdrückt.

Werkzeug der Glasbläser

Der Kristallmann

Zwar hat die Aufregung das Val verlassen, aber ihr Geist ist geblieben. Seine Erzählung setzt sich durch die Arbeit einer der letzten Glasbläser, Jean-Paul Vandermeulen, fort, der schon im Alter von 16 Jahren seine Glasbläserpfeife schwang. Ich gelange in seine kleine, von Blicken geschützte Werkstatt. Auf dem Schmelztisch liegen die alten Werkzeuge, Zangen und Scheren, ein Erbe der alten Generation der Glasmeister. „Jeder Glasbläser hat sein eigenes Werkzeug“, sagt Jean-Paul zu mir.

Glühende Hitze

Aus der Fusion von Sand und der Zugabe von Lösungsmittel wie Natriumkarbonat oder Kalisalz entsteht durchsichtiges Glas. Ich bin tief in der Verwandlung dieses Materials gefangen, der alten Alchemie, die seit Anbeginn der Zeit existiert.

 

In der Werkstatt von Jean-Paul Canermeulen herrscht glühende Hitze. Die Öfen werden durchgehend auf über 1.000°C gehalten, damit er das flüssige Glas bearbeiten kann. Aus dem heißen Ofenschlund strahlt die Hitze heraus und schlägt mir heißen Atem ins Gesicht. Dort wird das Höllenfeuer den Sand und das Siliciumdioxid in einen cremigen „Honig“ verwandeln. Jean-Paul taucht seine Glasbläserpfeife in das Feuer, um das Material zu kochen und bläst sie in einem Atemzug auf, um sie auszuhöhlen und die richtige Verteilung der Farbe zu gewährleisten. Beim Austritt aus dem Ofen erkaltet das Glas schnell und man erkennt schon farbliche Abstufungen zwischen den Rändern und der Mitte der orangenen Kugel. Mit einer Kreisbewegung achtet Jean-Paul darauf, das Material auf der Pfeife ebenmäßig zu formen. Ich beobachte einen Tanz aus präzisen Gesten, der seit 150 Jahren unverändert bleibt. Nichts wird dem Zufall überlassen: man spielt mit einem flüssigen Material. Dann legt der Glasmeister den Glasklumpen in eine Form, zieht ihn und formt eine glänzende Kugel. Mithilfe eines Papierwerkzeugs aus nassem Pappmaché bearbeitet er das Glas und verleiht seinem Kunstwerk Form. Dann taucht er es erneut ins Feuer und wiederholt die Prozedur viele Male. Ich nehme an einem wundervollen Ereignis teil. Dann folgt ein langer, gezielter Kühlungsprozess bis die Raumtemperatur erreicht wird. Das kann bis zu zwei oder drei Tagen dauern. Das Ergebnis ist ein einzigartiges Werk. Jean-Paul ist das wandelnde Kulturerbe, wegen dem Glas und Kristall vom Val Saint-Lambert immer noch und bis in alle Ewigkeit glänzen kann.

Erlebt es selbst

 

Cristal Discovery

Château du Val Saint Lambert, Esplanade du Val

4100 Seraing

+32 (0)4330 3620

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