Foto der Radrennstrecke Lüttich-Bastogne-Lüttich, aufgenommen von Pierre Pauquay

Ich habe die radrennstrecke Lüttich-Bastogne-Lüttich für mich entdeckt

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Pierre Pauquay

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Die Ardennen über Täler und Hügel

Kultur und Wanderungen

Die Entdeckung einer legendären Radrennstrecke: Lüttich-Bastogne-Lüttich

Ich habe die radrennstrecke Lüttich-Bastogne-Lüttich für mich entdeckt

Reise im heiligen Rennradfahrerland

Von Kilometer 70 bis 266 mit dem Rennrad

Merkt Euch dieses Frühjahres-Challenge schon mal vor... Der sogenannte "Cyclo Liège-Bastogne-Liège" (Amateur-Radrennen Lüttich-Bastogne-Lüttich) findet im April statt, und zwar genau einen Tag vor dem Profiradrennen. Dabei radelt Ihr genau dieselben Straßen und Hügel ab wie die des legendären Radrennens... Meine kleine Erkundung der Strecke schildere ich Euch hier...

Seit Beginn des letzten Jahrhunderts haben eindrucksvolle Bilder großer Radrennbewerbe die Bilder des Radsports maßgeblich beeinflusst und geprägt. Die Königin unter den bekannten Radrennstrecken, Lüttich-Bastogne-Lüttich, zieht nach wie vor viele Fans an. Hier, in der belgischen Provinz Wallonien, sind die Emotionen beim Radsport stark spürbar. Ende April unterbricht das Quietschen der Reifen und das Rattern der Kettenschaltungen die Stille des großen Ardennenwaldes. Geräusche dieser Art kündigen von einem Kampf der Titanen. Jeder Radrennfahrer, der etwas auf sich hält, träumt davon, eines Tages die Strecke Lüttich-Bastogne-Lüttich für sich zu entscheiden. Und nur große Namen haben es auch tatsächlich geschafft: Ein paar dieser Orte, an denen tapfere Männer großartige Leistungen vollbracht haben, stellen wir Euch heute hier vor...

Foto des Radrennens Lüttich-Bastogne-Lüttich von Pierre Pauquay

Ende April unterbricht das Quietschen der Reifen und das Rattern der Kettenschaltungen die Stille des großen Ardennenwaldes

Dieses Radrennen geht echt in die Beine!

Viele Radrennfahrer empfinden die Strecke Lüttich-Bastogne-Lüttich wie ein echtes Hochgebirgsrennen. Mit einem Gesamthöhenunterschied von 4.000 Metern entspricht dieser Klassiker mitsamt seinem Amateur-Radrennen "Cyclo" einer großen Alpenetappe auf der Tour de France. Die steilen Anstiege konzentrieren sich auf die letzten siebzig Kilometer: ein gefürchtetes Finale, das auch uns einiges abverlangen wird.

 

Von dem Ort Wanne aus nehmen wir die Streckenabschnitte die durch die Ardennen führen in Angriff. Manche Etappen und Anstiege gelingen uns dabei nur mühevoll. Körnige, unebene Oberflächen verhindern, dass die Reifen gut greifen, wir müssen also "doppelt treten". Eine echte Anstrengung also, Meter für Meter geht es hinauf durch den Nebel, in Richtung der Gipfel einzelner Hügel. Während des Rennens kommt einem die kleinste Schwäche teuer zu stehen. Nur die Stärksten schaffen alle Anstiege scheinbar mühelos, sinnlos hier unter den Besten mitmischen zu wollen ... Spätestens in Lüttich dann zeigt sich, wer auf der gesamten Radrennstrecke ein nahezu übermenschliches Durchhaltevermögen bewiesen hat.

 

Die Erholungszeiten während des Rennens sind auf alle Fälle sehr kurz, die Prozentsätze die das Gefälle angeben manchmal wie ein Schock für uns: 12% durchschnittlicher Anstieg auf dem Streckenabschnitt Stockeu, 11% auf der berühmten "Redoute". Am meisten gefällt uns jedoch der Anstieg Côte du Rosier: Hier genießen wir einen der schönsten Ausblicke des gesamten Rennens.

Foto des Radrennens Lüttich-Bastogne-Lüttich von Pierre Pauquay

Die Landschaft ist großartig, mit dem Tal der Amblève vor uns und den in der Ferne blau wirkenden Hügeln der Ardennen. Die Route führt zunächst durch den Wald, dann durch eine großartige Hügellandschaft und schließlich durch den Weiler Andrimont.

Foto von Wanne, einem kleinen Dorf entlang der Radstrecke, von Pierre Pauquay

Auf all die bislang beschriebenen Anstiege, deren Herausforderungen mit kleinen Bergpässen vergleichbar sind, folgen technisch herausfordernde Abfahrten, die uns vor allem aufgrund von schlechten Straßenbelägen auf die Probe stellen. Von Cour geht es blitzschnell hinunter nach Spa: Es gilt, bei der raschen Abfahrt extrem vorsichtig und vor allem konzentriert zu sein. Beim Zusteuern auf die Thermalstadt jedenfalls quietschen die Bremsen! Kurz nach Winamplanche kommt ein plötzlicher Anstieg namens Côte du Maquisard: Eine wahre Falle, die so manchen Radrennfahrer aus dem Rennen wirft. Das Tempo ist jetzt sehr hoch, schon der kleinste Fehler könnte zur Gefahr werden. In der Nähe des hübschen Weilers Reid gibt es eine Art "falsches Flachstück", das eine kleine Verschnaufpause ermöglicht, sowie uns gar etwas Vorsprung zu anderen gewinnen lässt.

Foto des Anstieges von Redoute, von Pierre Pauquay

Hart umkämpfte Schlüsselstelle

Nach der Kreuzung Haut-Regard bleibt das Rennen eine Zitterpartie: Die Top-Radrennläufer müssen sich entsprechend gut positionieren, bevor sie den nächsten, steilen Anstieg in Angriff nehmen. Wir für unseren Teil genießen indes den Abstieg in Richtung Remouchamps... In den letzten Jahren war der Anstieg von La Redoute stets der Schlüssel zur Entscheidung des Rennens. Entlang dieses Streckenabschnittes feuern zahlreiche Zuschauer die sich vorkämpfenden Radrennläufer an. Die Anspannung der Sportler ist dabei so groß, dass sie sich auch auf die Zuschauer überträgt. Die Enge und der Anstieg auf diesem Streckenabschnitt verzeihen nicht die geringste Schwäche oder Fehler.

Wer das Rennen für sich gewinnen will, muss sich spätestens in La Redoute in die Spitzengruppe vorkämpfen. Höchste Konzentration ist angesagt. Vor uns scheint die Straße, die auf den Hügel hinaufführt, bis in den Himmel zu reichen und wegzufliegen.

 

Diese sehr schmale Straße ist meist leer; während des Rennens verursacht ihre Enge jedoch unvermeidbare Staus unter den Radrennläufern. Selbst ein guter Radrennfahrer kann in einem plötzlichen Stillstand wie diesem stecken bleiben, während seine Gegner bereits bergab flitzen: Auf dem gesamten Streckenverlauf Lüttich-Bastogne-Lüttich kostet jede noch so kleine Unaufmerksamkeit viel Zeit.

Foto des Tals von Amblève, von Pierre Pauquay

Gangwechsel
Im Gegensatz zu den anderen, klassischen Fahrradrennen gibt es auf der Radrennstrecke Lüttich-Bastogne-Lüttich immer wieder starke Getriebewechsel. Für die Radrennläufer bedeutet das, dass nach schnellen Rennen wie Mailand-San-Remo und Paris-Roubaix das Tempo hier noch mal kräftig durchgeschüttelt wird. Lüttich erfordert es beispielsweise ganz anders zu fahren als in den weiten Talsohlen, die anderen Teile des Rennens charakterisieren. Diese sich wiederholenden Tempowechsel können einem Radrennläufer ganz schön viel abverlangen. Wir merken dies anhand der großen Müdigkeit, die uns während des Rennens überkommt. Lüttich scheint noch so weit weg zu sein... Der Anstieg Côte des Forges, die auf die Côte de la Roche aux Faucons folgt, macht uns im wahrsten Sinne des Wortes fertig. Lüttich-Bastogne-Lüttich ist ein wahrlich nicht zu unterschätzendes Radrennen, das den Organismus auf mehr als 260 Kilometern sehr strapazieren kann ...

Radrennstrecke Lüttich-Bastogne-Lüttich - Pierre Pauquay

Spießrutenlauf
Jedes Jahr hoffen zahlreiche Anwärter auf den Sieg des Rennens: Die Kunst besteht darin, seine Strategie nicht zu früh preiszugeben. Man muss clever sein. Der Gewinner muss sich zur richtigen Zeit von der Masse abheben und nicht gleich "all sein Pulver verfeuern". Beim Radrennen Lüttich-Bastogne-Lüttich gilt es, Klarheit und außergewöhnliches Selbstvertrauen unter Beweis zu stellen. Wer zu früh in die Vollen geht, dem geht eher die Puste aus, wer sich zu spät "ins Rennen wirft", kämpft indes mühevoll gegen viele Gegner. Auf den letzten Kilometern schließlich kann man sich auf nichts und niemanden mehr verlassen: Hier liegt es an jedem Radrennläufer selbst, das Unmögliche zu versuchen und dem Sieg entgegen zu radeln.

Winterstimmung im Frühjahr

Im April kann der Winter im Hügelland Provinz Lüttich noch einmal zuschlagen. 1980, mitten in einem Schneesturm, gewann Bernard Hinault dieses einmalige Radrennen mit mehr als neun Minuten Vorsprung; insgesamt haben es nur 21 tapfere Radrennläufer beendet. Der Gewinner, ein Bretone, hat seinem Sieg jedoch auch einen abgefroren Finger eingebüßt... Die Topographie der Region bedingt so manche, plötzliche Temperaturschwankungen die stark sein können. Die Talböden können sehr kalt sein, auf den Gipfeln hingegen weht oftmals ein eisiger Wind. Die schnellen Abfahrten kühlen die Läufer nach schweißtreibenden Anstiegen rasch ab. Um auf all diese Wetterkapriolen Rücksicht nehmen zu können, ist die richtige Ausrüstung also einmal mehr enorm wichtig. Seid auch Ihr solch passionierte Radfahrer wie die großen Akteure dieses Rennens, kann ich Euch die Erfahrung allerdings nur empfehlen.

Ich möchte auch so etwas erleben 

 

Amateur-Radrennen "Cyclo": Am Samstag vor dem Profirennen
Einzelne Streckenabschnitte im Rennen: 70, 147 oder 266 Kilometer
Individuelle Abfahrtszeiten: Bei der Gesamtlänge von 266 km zwischen 6.30 Uhr und 7.30 Uhr, bei einer Länge von 147 Kilometern zwischen 6.30 Uhr und 9.30 Uhr, bei einer Länge von 70 Kilometern zwischen 8.00 Uhr und 10.00 Uhr
Nähere Informationen

 

Hauptanstiege entlang des Streckenverlaufes

Côte de Saint-Roch: 11,5% durchschnittlicher Anstieg, 18% Maximalanstieg, Länge: 1,1 Kilometer
Côte de Mont-le-Soie: 6% durchschnittlicher Anstieg, 12% Maximalanstieg, Länge: 1,9 Kilometer
Côte de Wanne: 7,5% durchschnittlicher Anstieg, 13% Maximalanstieg, Länge: 2,2 Kilometer
Cote du Stockeu: 9,4 % durchschnittlicher Anstieg, 15% Maximalanstieg, Länge: 2,4 Kilometer
Cote de la Haute Levée: 5,6 % durchschnittlicher Anstieg, 11% Maximalanstieg, Länge: 3,6 Kilometer
Côte du Rosier: 5,7 % durchschnittlicher Anstieg, 12% Maximalanstieg, Länge: 4,5 Kilometer
Côte du col du Maquisard: 5,1 % durchschnittlicher Anstieg, 7% Maximalanstieg, Länge: 3 Kilometer
Côte de la Redoute: 9,7% durchschnittlicher Anstieg, 20% Maximalanstieg, Länge: 1,6 Kilometer
Côte des Forges: 6% durchschnittlicher Anstieg, 10% Maximalanstieg, Länge: 2,1 Kilometer
Côte de la Roche aux Faucons: 9,5% durchschnittlicher Anstieg, 16% Maximalanstieg, Länge: 1,5 Kilometer